Wie man mit einem heranwachsenden Sohn spricht, der sich in sein Zimmer zurückzieht
60 % der Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren beginnen sich zu isolieren. Daten des Ministeriums für Geschlechtergleichstellung und Familie zeigen, dass allein unter den isolierten und zurückgezogenen Jugendlichen rund 400 Personen zur Hochrisikogruppe gehören, die ihr Zimmer nicht mehr verlassen. Ihre Lebenszufriedenheit liegt bei mageren 4,76 von 10 Punkten. Zwar bringt die Regierung Maßnahmen wie Jugendförderprogramme auf den Weg, doch für Eltern, deren Sohn just in diesem Moment die Zimmertür schließt, wirken makroökonomische Maßnahmen weit entfernt. Um zu verhindern, dass das Kind den emotionalen Anschluss verliert, muss sich letztlich die Art und Weise ändern, wie zu Hause das Gespräch gesucht wird.
Worauf es ankommt, statt nach den Noten im Nachhilfeunterricht zu fragen
Jungen an Mittel- und Oberschulen tun sich schwer damit, ihre wahren Gefühle oder Ängste preiszugeben, selbst wenn sie mit Freunden zusammen Videospiele spielen oder Sport treiben. Wer einem solchen Kind Fragen stellt wie "Wie lief dein Test im Nachhilfeunterricht heute?", stößt sofort auf Abwehr. In der Pubertät, in der sich der Frontallappen stark entwickelt, werden kontrollierende Fragen von Eltern leicht als Verhör oder Angriff missverstanden.
Um den Sohn zum Sprechen zu bringen, sollte man die Sitzordnung meiden, bei der man sich gegenübersitzt und in die Augen schaut. Eine Anordnung wie im Auto oder auf einem Spaziergang, bei der man nebeneinander sitzt und nach vorne schaut, vermittelt ein viel sichereres Gefühl. Statt ihn über seine heutigen Leistungen auszuquetschen, sollte man den aktuellen Zustand des Kindes einfach so anerkennen, wie er ist, und das Gespräch beginnen:
- Wann war es für dich beim Spielen heute am frustrierendsten?
- Was geht dir durch den Kopf, wenn deine Meinung unter Freunden nicht akzeptiert wird?
- Wenn du Freizeit hast, was würdest du am liebsten zu zweit mit einem Freund machen?
- Gibt es eine kleine Gefälligkeit, die dir in letzter Zeit von jemandem entgegengebracht wurde und an die du dich erinnerst?
- Wenn es im Nachhilfeunterricht mal besonders anstrengend wird, wie kann dir zu Hause geholfen werden, damit du dich wohler fühlst?
Schon solche Fragen etwa einmal pro Woche zu stellen, gibt dem Kind das Gefühl, nicht bewertet zu werden. Es ist weitaus besser, den Drang zu unterdrücken, Moralpredigten zu halten, und stattdessen zuerst das Gefühl anzuerkennen, dass es frustrierend war.
Selbstwirksamkeit durch Hausarbeiten lernen
Jungen nur lernen zu lassen und sie komplett von der Hausarbeit freizuhalten, beraubt das Kind der Chance, mit anderen zu kooperieren. Studien zeigen, dass die Beteiligung von Jugendlichen an der Hausarbeit eng mit ihrer Selbstwirksamkeit verknüpft ist. Das Gefühl, tatsächlich zu der kleinen Gemeinschaft der Familie beizutragen, stärkt das Kind.
Vage Anweisungen wie "Räum dein Zimmer auf" haben keinerlei Wirkung. Die Aufgaben sollten in konkrete Schritte unterteilt werden, die in fünf Minuten erledigt werden können.
| Zeit |
Bereich |
Ausführungsrichtlinie |
| Täglich 10 Min. |
Persönlicher Bereich |
Ausgezogene Kleidung in den Wäschekorb legen, benutztes Geschirr in die Spüle bringen |
| 2x unter der Woche |
Gemeinschaftsbereich |
Den Tisch vor dem Essen decken, Müll zur Recyclingstation bringen |
| 1 Std. am Wochenende |
Die ganze Familie |
Samstags um 8 Uhr morgens staubsaugen und die Wäsche sortieren |
Wenn man eine feste Zeit am Samstagmorgen festlegt, zu der alle in der Familie gemeinsam anpacken, kommt kein Gefühl von Ungerechtigkeit auf. Statt sie mit Taschengeld zu belohnen, ist es effektiver, ihnen für die pünktlich ausgeführte Handlung selbst zu danken, um so das Selbstbewusstsein des Kindes zu stärken.
Wie man bei der Schulberatung nach dem Gesicht hinter dem Zeugnis fragt
Bei Elterngesprächen wird die Zeit meistens mit Noten oder Gesprächen über die Universität verbracht. Doch Verletzungen in der Peergroup und Signale der Isolation zeigen sich am ehesten im schulischen Umfeld. Das ist der Grund, warum man die Beratungszeit während des Semesters nutzen muss, um den Lehrer gezielt nach den sozialen Kompetenzen des Kindes zu fragen.
- Peergroup-Beziehungen: Geht das Kind nur mit ein paar bestimmten Freunden tiefere Freundschaften ein oder mischt es sich unter viele? Hält es sich in den Pausen eher alleine auf?
- Kooperationsfähigkeit: Akzeptiert es bei Gruppenarbeiten die Meinungen anderer Kinder oder pocht es nur auf den eigenen Standpunkt bzw. klinkt es sich ganz aus?
- Emotionsregulation: Löst es Konflikte mit Freunden durch Gespräche oder verschließt es sich bzw. explodieren seine Emotionen?
Wenn man dem Lehrer solche Fragen stellt, gestützt auf die Beobachtungen des Kindes zu Hause, beobachtet auch die Lehrkraft das Kind aus viel mehr Blickwinkeln. Nur wenn man die Verhaltensmuster versteht, die nicht auf dem Zeugnis stehen, kann man dem Kind auch zu Hause mit einer konsequenten Haltung helfen.
Öffentliche Unterstützung, wenn das Kind sich nicht öffnen will
Schon allein die Tatsache, dass Eltern zu Hause aufhören Vorwürfe zu machen, schafft ein erstes Sicherheitsnetz. Doch wenn das Gespräch bereits völlig abgerissen ist oder sich Tendenzen zur Isolation verstärken, muss man die Hilfe externer Institutionen in Anspruch nehmen.
Das vom Ministerium für Geschlechtergleichstellung und Familie sowie den lokalen Behörden betriebene 1388-Jugendunterstützungsteam vermittelt Universitätsstudenten als Mentoren im Verhältnis 1:1. Wenn die Tendenz zur Isolation so schwerwiegend ist, dass eine Beratung zu Hause erforderlich ist, kann man die Unterstützung durch einen festen Fallmanager über das Unterstützungsprogramm für isolierte und zurückgezogene Jugendliche (One-Stop-Paket) in Anspruch nehmen. Für Söhne, die sich weigern, von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, kann es auch eine Methode sein, zunächst die SMS- oder Chat-Beratung der rund um die Uhr erreichbaren Jugend-Hotline 1388 vorzuschlagen.