"Build vs. Buy" verschiebt sich in Richtung "Eigenentwicklung"

MMaximilian Schwarzmüller
Computing/SoftwareSmall Business/StartupsBusiness News

Transcript

00:00:00Eine Diskussion, die am Ende natürlich Auswirkungen auf uns alle als Entwickler hat und derzeit richtig an Fahrt gewinnt, ist die Frage, ob die meisten Unternehmen in Zukunft den Großteil ihrer Software selbst entwickeln werden oder nicht.
00:00:15Das ist keine neue Diskussion. Sie hat vielleicht schon vor zwei oder drei Jahren begonnen. Aber da diese KI-Agenten und die zugrundeliegenden KI-Modelle immer leistungsfähiger werden, gewinnt die Frage jetzt an Bedeutung.
00:00:31Denn, ja, ich würde absolut sagen, dass wir sehen können, wie mehr Leute – allen voran natürlich Entwickler – ihre eigene Software bauen.
00:00:44In meinen eigenen Unternehmen haben wir definitiv verschiedene kostenpflichtige Dienste für Projektmanagement, den E-Mail-Versand und mehr durch eigene Lösungen ersetzt.
00:00:59Nun bin ich natürlich Entwickler. Für mich ist das also recht einfach. Vor der KI habe ich das trotzdem nicht gemacht, weil es einfach zu viel Aufwand war.
00:01:10Und KI hat definitiv geholfen, mehr zu schaffen und anspruchsvollere Aufgaben anzugehen.
00:01:19Man muss aber immer noch wissen, was man tut. Man kann bestimmte Produkte definitiv auch einfach “vibe-coden”.
00:01:25Und für ein paar Hilfswerkzeuge reicht das völlig aus. Ich habe zum Beispiel ein kleines Tool zum Entfernen von Hintergründen gebaut, mit dem ich bei meinen Thumbnails – na, ratet mal –
00:01:36den Hintergrund hinter meinem Gesicht entfernen kann. Und das habe ich einfach gegewibecodet, weil mir die Details egal sind.
00:01:42Wenn etwas schiefgeht, sehe ich es einfach. Dann kann ich es auch per Vibe-Coding reparieren.
00:01:47Es ist schließlich kein kritische Tool. Bestimmte Werkzeuge kann man also definitiv vibe-coden.
00:01:53Und das beschränkt sich natürlich nicht nur auf mich. Viele Leute können das machen.
00:01:59Trotzdem nicht unbedingt jeder, denn bei Weitem nicht alle kennen diese KI-Agenten-Tools und wissen, was sie können.
00:02:09Aber ja, alle Entwickler oder technisch versierteren Personen können definitiv bestimmte Tools vibe-coden.
00:02:17Es gibt jedoch bestimmte Tools, bei denen ich das Vibe-Coding nicht unbedingt empfehlen würde.
00:02:24Zum Beispiel ein Tool, das E-Mails wie einen Newsletter verschickt.
00:02:29Da kann so einiges schiefgehen, und man möchte seine Empfänger nicht zuspammen, sie zur Abmeldung bewegen oder die eigene Absender-Reputation schädigen.
00:02:40Man will auch nicht, dass die Hälfte der E-Mails gar nicht erst gesendet wird.
00:02:45Und da ist noch mehr.
00:02:46Vielleicht hat man zum Beispiel vergessen, eine Abmeldefunktion per Vibe-Coding einzubauen, damit sich Leute austragen können.
00:02:54Auch nicht besonders gut.
00:02:56Es gibt da mehr zu beachten. Es ist komplexer.
00:02:59Und selbst wenn wir solche Probleme ignorieren, gehört schon davor viel zum Versand von E-Mails im großen Stil.
00:03:09Es fängt damit an, dass man überhaupt weiß, wie man es macht und dass es Dienste wie AWS SES gibt, die man nutzen kann.
00:03:15Und selbst wenn man es weiß, ist das ordentliche Einrichten dort mehr als nur ein Klick.
00:03:22Klar gibt es Dienste, die das etwas einfacher machen, aber es erfordert trotzdem ein gewisses technisches Wissen.
00:03:28Und es ist nichts, was jedes kleine, nicht-technische Unternehmen mal eben schnell selbst baut und was dann reibungslos funktioniert.
00:03:36Und ich denke, das ist ein wichtiger Punkt, den man bei dieser Frage berücksichtigen muss.
00:03:42Welche Art von Software wird von Unternehmen selbst entwickelt und welche wird jetzt und in Zukunft gekauft?
00:03:52Die Komplexität der Aufgabe spielt dabei natürlich eine sehr wichtige Rolle.
00:03:58Was kann schiefgehen und wie schlimm ist es, wenn es schiefgeht?
00:04:02Man liest manchmal, dass das Vibe-Coding von Software Spaß macht, die Wartung hingegen nicht.
00:04:08Und da ist etwas Wahres dran.
00:04:11Je wichtiger eine Software ist, desto mehr schmerzt und nervt es natürlich, wenn man sie warten muss – besonders, wenn man keine Ahnung hat, was darin überhaupt abläuft.
00:04:22Größere Unternehmen können natürlich auch anspruchsvollere Aufgaben angehen.
00:04:26Sie haben das Personal.
00:04:27Sie haben die KI-Agenten.
00:04:28Sie haben das Wissen.
00:04:29Und deshalb sind sie möglicherweise in der Lage, bestimmte Tools zu ersetzen, die von weniger tech-affinen Firmen oder einzelnen Entwicklern nicht ersetzt werden können.
00:04:39Aber in diesen größeren Unternehmen gibt es ganz andere Software-Ebenen, die aus Compliance- oder wiederum aus Komplexitätsgründen schwerer zu ersetzen sind. Wir sprechen hier von Software wie SAP oder Salesforce, die so tief in so viele Systeme integriert ist, dass man lieber weiterzahlt, als sie zu ersetzen.
00:05:02Das mag sich in den nächsten, ich weiß nicht, 10 Jahren oder so ändern, aber ich sehe nicht, dass all diese Großkonzerne plötzlich ihre gesamte eingesetzte Software austauschen.
00:05:15Was wir jedoch auf allen Ebenen beobachten können – egal ob bei Großkonzernen oder einzelnen Entwicklern – ist, dass manche Software ersetzt wird.
00:05:24Und ich denke, darüber gibt es keine zwei Meinungen.
00:05:28Besonders für Indie-Hacker, deren Hauptzielgruppe ebenfalls andere Entwickler waren, wird es viel schwerer, weil die Art von Software, die sie gebaut und verkauft haben, oft genau die Software ist, die leicht ersetzt werden kann.
00:05:43Es kann natürlich immer noch Schutzwälle geben, wenn man einen Dienst anbietet, bei dem es nicht primär um die Software geht, sondern um die zugrundeliegenden Daten, an die man nicht so leicht herankommt, oder wenn es ein rechtlich komplexes Geschäft ist.
00:06:00Man bezahlt dort nicht wirklich für die Software.
00:06:03Man bezahlt für etwas anderes.
00:06:04Und deshalb ist es naturgemäß schwerer oder unmöglich zu ersetzen.
00:06:09Nun, offensichtlich nicht unmöglich, aber viel schwerer.
00:06:12Es gibt da also einen gewissen Schutz.
00:06:14Wenn das Alleinstellungsmerkmal nur die Software war, die ein kleines Problem gelöst hat, wird es schwerer.
00:06:22Und ich denke, das ist eine Veränderung, die wir durch KI schon jetzt sehen und die sich noch beschleunigen wird.
00:06:27Denn was heute für Entwickler möglich ist, wird, so glaube ich, zumindest bis zu einem gewissen Grad bald auch für andere Unternehmen und ganz normale Menschen möglich sein.
00:06:37Nicht alles natürlich – das AWS-E-Mail-Beispiel bleibt vielleicht außer Reichweite, obwohl es mit Hilfe anderer Anbieter, die das vereinfachen, in Zukunft auch nicht unmöglich sein muss.
00:06:48Aber es gibt viele Hilfswerkzeuge, kleine Projektmanagement-Tools und Ähnliches, bei denen meiner Meinung nach mehr Unternehmen und Menschen ihre eigene Software per Vibe-Coding entwickeln werden.
00:07:02So wie vor vielleicht zwei Jahren ein Dienst, der Bilder mit KI generiert hat – sagen wir Bewerbungsfotos oder etwas, womit man aus hochgeladenen Bildern einen Cartoon erstellen konnte.
00:07:17Solche Dienste hätten vor ein, zwei Jahren wahrscheinlich noch gut funktioniert, aber ich denke, das ändert sich gerade rasend schnell, weil normale Menschen viel mehr Möglichkeiten haben, solche Bilder mit KI direkt vom Smartphone aus zu generieren.
00:07:35Vielleicht, weil es im Betriebssystem integriert ist, oder weil sie es über ihr ChatGPT-Abo nutzen können. Die meisten zahlen zwar nicht dafür, aber es gibt Gratis-Limits, und immer mehr Leute zahlen womöglich doch.
00:07:47Das ist also ein gutes Beispiel für ein Geschäftsmodell, das vor zwei Jahren noch fantastisch funktionierte und jetzt stark unter Druck gerät.
00:07:57Und ich denke, wir werden dasselbe bei anderen Diensten und Softwares sehen, schlicht abhängig davon, worin der eigene Wettbewerbsvorteil besteht.
00:08:04Das sind natürlich keine bahnbrechenden Neuigkeiten, das weiß ich, aber es hat wichtige Auswirkungen für Entwickler, über die man jetzt nachdenken muss.
00:08:12Denn nicht nur unser Beruf verändert sich generell – wir schreiben weniger Code und verändern, wie wir Code-Reviews angehen, indem wir nicht mehr jede Zeile lesen.
00:08:24Wir werden das in Zukunft sehr wahrscheinlich nicht mehr tun, das ändert sich also, aber auch der Arbeitsort spielt eine wichtige Rolle.
00:08:31Ich weiß, dass Jobs heutzutage schwer zu bekommen sind, und einen Job zu haben ist natürlich besser, als keinen zu haben.
00:08:37Aber wenn man bei einer Firma arbeitet, die eines dieser Tools baut oder Software entwickelt, die eher auf der ersetzbaren Seite steht,
00:08:48dann ist das natürlich eine Art Warnsignal. Das heißt nicht, dass man sofort kündigen muss,
00:08:52sondern dass man vorsichtig mit seiner Zukunftsplanung sein sollte, da sich dies meiner Meinung nach beschleunigen wird.
00:09:01Und ich glaube fest daran, dass es in den nächsten, sagen wir, 10 Jahren – was heutzutage extrem schwer vorherzusagen ist –
00:09:10immer Software geben wird, die man nicht selbst baut, weil sie zu wichtig, zu komplex ist oder weil es nicht primär um die Software geht.
00:09:20Aber es wird viele Fälle geben, in denen Unternehmen und Menschen sich ihre eigenen Tools und Software tatsächlich vibe-coden,
00:09:30oder vielleicht nicht vibe-coden, aber vorhandene Entwicklerfähigkeiten nutzen, um Software zu ersetzen, für die sie früher bezahlt haben.
00:09:39Ja, ich denke also, das ist ein Trend, und zwar einer, der sich beschleunigt. Das bedeutet folglich auch, dass der Schritt in die Selbstständigkeit
00:09:48mit der Entwicklung von Software-as-a-Service-Lösungen heute offensichtlich viel, viel schwerer ist als noch vor ein paar Jahren,
00:09:54weil man wirklich genau darüber nachdenken muss, was man verkaufen kann, das einen echten Mehrwert bietet.
00:10:00Und das ist heute definitiv schwieriger als früher, würde ich sagen.

Key Takeaway

Der Vormarsch von KI-Agenten beschleunigt den Trend von 'Buy' zu 'Build', wodurch einfache Software-Tools zunehmend durch Eigenentwicklungen ersetzt werden und SaaS-Anbieter ohne tiefgreifenden Wettbewerbsvorteil unter extremen Druck geraten.

Highlights

  • Leistungsfähigere KI-Agenten verschieben das Gleichgewicht von Softwarekäufen hin zur Eigenentwicklung in Unternehmen.

  • Unkritische Hilfswerkzeuge wie Bildbearbeitungs-Tools lassen sich ohne tiefes Detailwissen per Vibe-Coding erstellen.

  • Komplexe Aufgaben wie der E-Mail-Massenversand über AWS SES erfordern weiterhin technisches Fachwissen und bergen ohne Fachkenntnis hohe Risiken.

  • Tief integrierte Unternehmenssoftware wie SAP oder Salesforce bleibt aufgrund von Compliance-Anforderungen und hoher Systemkomplexität auf absehbare Zeit unersetzbar.

  • Für Indie-Hacker und SaaS-Entwickler sinkt die Marktchance drastisch, wenn ihr Produkt lediglich ein einfaches Problem ohne proprietäre Daten oder rechtliche Barrieren löst.

Timeline

Verschiebung von Softwarekauf zu Eigenentwicklung durch KI

  • Mächtigere KI-Modelle und -Agenten machen die Eigenentwicklung von Software für Unternehmen attraktiver als den Kauf kostenpflichtiger Dienste.
  • Entwickler ersetzen bereits bezahlte Werkzeuge für Projektmanagement oder Medienbearbeitung durch eigene, KI-gestützte Codebases.
  • Unkritische Tools ohne hohe Qualitätsanforderungen eignen sich ideal für schnelles Vibe-Coding.

Die Debatte um den Eigenbau von Software existiert seit Jahren, gewinnt aber durch die veränderten Fähigkeiten moderner KI-Agenten eine neue Dynamik. Bezahlte Abonnements für einfache Hilfswerkzeuge lassen sich mit minimalem Aufwand durch maßgeschneiderte Skripte ersetzen. Ein Beispiel hierfür ist ein einfach programmiertes Tool zur Hintergrundentfernung bei Bildern, dessen Fehler im Alltag keine schwerwiegenden Konsequenzen nach sich ziehen.

Grenzen von Vibe-Coding bei komplexen Systemen

  • Infrastrukturintensive Aufgaben wie der E-Mail-Massenversand bergen hohe Risiken bei fehlerhafter Implementierung.
  • Fehlende Funktionen wie Abmeldelinks schädigen die Absender-Reputation und verletzen rechtliche Vorgaben.
  • Die langfristige Wartung von per KI generierter Software verursacht bei mangelndem Systemverständnis hohen Aufwand.

Systeme mit hoher betrieblicher Komplexität eignen sich nicht für oberflächliches Vibe-Coding. Der Aufbau einer eigenen Lösung für Newsletter-Versand erfordert beispielsweise die Konfiguration von Diensten wie AWS SES und fundiertes Wissen über Zustellbarkeiten. Bei kritischen Prozessen übersteigen die Kosten von Fehlern und die Last der Softwarewartung den Preis von fertigen Kaufsoftware-Lösungen.

Auswirkungen auf Großkonzerne und SaaS-Geschäftsmodelle

  • Tief in Geschäftsprozesse eingebettete Systeme wie SAP und Salesforce bleiben trotz KI-Boom geschützt.
  • Reine Software-Produkte ohne proprietäre Datenbasis oder regulatorische Schutzwälle verlieren ihren Marktwert.
  • Funktionen wie KI-Bildgenerierung verlagern sich von spezialisierten Bezahldiensten direkt in Betriebssysteme und Chatbot-Abos.

Großunternehmen besitzen zwar die Ressourcen für komplexe Eigenentwicklungen, halten aber aufgrund von Compliance-Regeln und Integrationsdichte an etablierter Enterprise-Software fest. Betroffen von der Entwertung sind vor allem Indie-Hacker und kleine SaaS-Anbieter. Dienste, die lediglich einfache Einzelprobleme lösen – wie die Generierung von Profilbildern – werden durch kostenlose oder in Betriebssysteme integrierte KI-Funktionen rasch obsolet.

Strategische Konsequenzen für Entwickler und Unternehmensgründer

  • Die tägliche Entwicklerarbeit verlagert sich von manueller Code-Eingabe hin zur Steuerung von KI-Systemen.
  • Arbeitsplätze bei Anbietern leicht ersetzbarer Standard-Software tragen ein erhöhtes Zukunftsrisiko.
  • Der Neuentwurf von SaaS-Geschäftsmodellen erfordert heute tiefere Wettbewerbsvorteile als in früheren Jahren.

Die Rolle von Softwareentwicklern verändert sich grundlegend, da das Schreiben von Code durch KI-Unterstützung abnimmt und traditionelle Code-Reviews seltener werden. Bei der Berufswahl gewinnt die Zukunftsfähigkeit der gebauten Produkte an Bedeutung. Für den erfolgreichen Verkauf von Software-as-a-Service reicht reine Funktionalität nicht mehr aus; entscheidend sind unkopierbare Daten, komplexe Geschäftslogik oder spezialisiertes Fachwissen.

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