00:00:00Wenn wir unsere Ernährung optimieren können
00:00:02und sie auf die Gesundheit der Skelettmuskulatur ausrichten,
00:00:04dann können wir den Verlauf des Alterns verändern.
00:00:06Es gibt im Grunde nur zwei Wege,
00:00:07wie wir die Skelettmuskulatur stimulieren können:
00:00:09Sport und Eiweiß aus der Nahrung.
00:00:11Wir reden oft über die Lebensspanne.
00:00:12Es gibt aber auch die „Muskelspanne“.
00:00:14Ein bewegungsarmer Lebensstil ist nicht einfach nur das Gegenteil von Aktivität.
00:00:16Sedentäres Verhalten ist an sich schon ein Krankheitszustand.
00:00:19Punkt, Ende der Durchsage.
00:00:20Wenn wir die Proteinzufuhr erhöhen,
00:00:22reagiert die Skelettmuskulatur wie in jungen Jahren,
00:00:25da sie auf Eiweiß aus der Nahrung angewiesen ist.
00:00:30Wenn wir uns überlegen, wie wir eine Diät gestalten,
00:00:33müssen wir ein paar Dinge berücksichtigen.
00:00:35Erstens: Diese essenziellen Aminosäuren,
00:00:37vor allem Leucin, sind notwendig,
00:00:39um die Muskelproteinsynthese anzukurbeln.
00:00:40Zweitens: Das Alter beeinträchtigt die Effizienz
00:00:44der Muskelproteinsynthese.
00:00:45Verstehe. Es ist also wie ein Teufelskreis.
00:00:46Wenn die Sarkopenie erst einmal einsetzt,
00:00:48wenn Fettleibigkeit und andere Alterserscheinungen auftreten,
00:00:50verliert man an Muskelqualität,
00:00:52sprich Proteinsynthese und so weiter.
00:00:53Und als Folge davon
00:00:54wird es immer schwerer, die Muskelqualität wieder zu steigern.
00:00:57Man muss diesen Prozess also rechtzeitig unterbrechen.
00:00:59Ja. Ich würde sogar sagen,
00:01:01dass wir Sarkopenie zwar als Alterskrankheit bezeichnen,
00:01:04es aber auch eine jugendliche Form der Sarkopenie gibt.
00:01:07Wenn wir Sarkopenie als Abnahme von Muskelmasse und Kraft definieren,
00:01:11kann das durchaus auch junge Menschen betreffen.
00:01:13Wissen Sie, wir sprechen über die Gesundheitsspanne.
00:01:15Wir sprechen über die Lebensspanne.
00:01:16Aber es gibt eben auch die Muskelspanne.
00:01:18Und bei diesem Konzept der Muskelspanne
00:01:20geht es um die Gesundheit der Skelettmuskulatur im Alter.
00:01:24Dazu gehören drei wesentliche Komponenten.
00:01:27Man muss verstehen, dass die Muskelgesundheit
00:01:30schon sehr früh beginnt.
00:01:31Darüber werden wir noch sprechen,
00:01:33denn ich weiß, dass hier Eltern zuhören – ich habe selbst zwei kleine Kinder.
00:01:35Ich möchte natürlich auch über die Proteinmenge
00:01:37sprechen, die Kinder benötigen.
00:01:39Und wenn wir an diese Muskelspanne denken,
00:01:42gibt es die frühe Phase,
00:01:44in der man das Fundament legt,
00:01:46in der man hoffentlich trainiert, Sport treibt
00:01:49oder sich einfach nur bewegt.
00:01:50Inaktivität ist an sich schon ein Krankheitszustand.
00:01:53Punkt, Ende der Durchsage.
00:01:54Sitzende Lebensweise ist nicht das Gegenteil von Aktivität.
00:01:57Sitzendes Verhalten ist für sich genommen
00:01:59eine Gefahrenzone der Untätigkeit.
00:02:01In der Lebensmitte müssen wir das Gewebe erhalten.
00:02:04Die maximale Muskelmasse erreichen wir in unseren 30ern.
00:02:07Die maximale Knochendichte etwa zur gleichen Zeit.
00:02:10In der zweiten Lebenshälfte
00:02:13müssen wir alles tun, um dieses Gewebe zu erhalten,
00:02:16da die Effizienz der Skelettmuskulatur nachlässt.
00:02:19Die Skelettmuskulatur als nährstoffsensitives Organ
00:02:22kann jedoch wie jugendliches Gewebe reagieren.
00:02:24Und die Art und Weise, wie sie jugendlich reagiert –
00:02:27rein aus der Perspektive der Aminosäuren betrachtet,
00:02:30wenn wir über die richtige Ernährung zum Erhalt sprechen –
00:02:33ist die Erhöhung des Eiweißanteils.
00:02:35Ältere Menschen oder Personen im Alterungsprozess
00:02:38benötigen mehr Protein, um mTOR zu stimulieren.
00:02:41Bedeutet das, dass Menschen über 50 oder 60,
00:02:44statt mindestens 30 Gramm Protein pro Mahlzeit,
00:02:49eher 40 oder 50 Gramm essen sollten?
00:02:51Dem würde ich zustimmen.
00:02:53Interessant.
00:02:54Und übrigens,
00:02:55die Muskulatur wird darauf jugendlich reagieren.
00:02:58Wissen Sie, die
00:03:00Pionierarbeit dazu kam aus dem Labor von Bob Wolf.
00:03:03Er ist eine Ikone auf dem Gebiet der Proteinforschung.
00:03:06Er gehört zu den – darf ich sagen? – Urvätern.
00:03:09Bob Wolf, Don Layman und diese Leute.
00:03:12Ich habe bei Dr. Donald Layman gelernt.
00:03:14Wir nehmen heute diese ersten Studien
00:03:17über Nahrungsproteine als selbstverständlich hin.
00:03:19Wir denken: „Klar, die Pumper im Gym wussten das schon immer“,
00:03:22aber die Wissenschaft wusste es lange nicht.
00:03:25In jungen Jahren
00:03:27ist die Reaktion fast linear.
00:03:30Nehmen wir einen jungen Menschen im Wachstum,
00:03:34vielleicht 10 oder 12 Jahre alt, oder meine Kinder.
00:03:38Meine sind drei und viereinhalb.
00:03:40Ihr Körper reagiert schon auf 5 Gramm Protein,
00:03:43auf 10 Gramm oder 15 Gramm.
00:03:46Ein älterer Mensch hingegen zeigt darauf gar keine Reaktion.
00:03:50Diese Reaktion lässt sich jedoch verstärken,
00:03:55indem man die Proteinmenge pro Mahlzeit erhöht.
00:03:58Ein älterer Mensch reagiert dann wieder wie ein junger,
00:04:03wenn er 30 bis 50 Gramm Protein zu sich nimmt.
00:04:07Wir sprechen später noch über Nahrungsergänzungsmittel,
00:04:09aber eine Sache brennt mir unter den Nägeln:
00:04:10Macht es Sinn, Leucin
00:04:13und andere BCAAs gezielt zu supplementieren?
00:04:15Ich dachte immer, dass BCAAs
00:04:18eher etwas für Leute sind,
00:04:19die nach dem Training gezielt Muskeln aufbauen wollen.
00:04:24Aber nach dem, was Sie sagen,
00:04:25scheint Leucin in Pulverform zu einer Mahlzeit
00:04:30großartig für die Muskelgesundheit zu sein.
00:04:33Stimmt das?
00:04:33Ich würde sagen, wir nehmen Leucin nicht isoliert ein,
00:04:36da Leucin, Isoleucin und Valin zusammengehören.
00:04:41Es ist nicht ratsam, nur eine einzelne Aminosäure zu ergänzen.
00:04:45Der Aminosäurespiegel im Blut wird im Gleichgewicht gehalten.
00:04:48Gibt man zu viel von einer, beeinflusst das die anderen.
00:04:52Ich würde die Supplementierung
00:04:54von essenziellen Aminosäuren oder BCAAs nur dann erwägen,
00:04:58wenn sich jemand
00:05:00für eine proteinarme Mahlzeit entscheidet.
00:05:02Ich erinnere mich an meine Zeit als Assistenzärztin,
00:05:04da war die Essensauswahl nicht besonders gut.
00:05:06Vielleicht gab es nur ein winziges Stück Fisch,
00:05:08das nicht ausreichte, um den Schwellenwert zu erreichen.
00:05:10In so einem Fall würde ich
00:05:12BCAAs oder EAAs hinzufügen.
00:05:15Das würde den Aminosäurespiegel auf das nötige Niveau heben.
00:05:19Aber wir müssen verstehen: Alles, was wir tun,
00:05:22sollte einen klaren Zweck verfolgen.
00:05:23Nur so nebenbei an BCAAs zu nippen
00:05:27oder wahllos Aminosäuren zu nehmen, wäre so,
00:05:30als würde man den Zündschlüssel im Auto umdrehen,
00:05:35ohne dass Treibstoff da ist.
00:05:38Man braucht das gesamte Spektrum aller Aminosäuren,
00:05:42um die Muskelgesundheit wirklich zu fördern.
00:05:44Das ist beruhigend zu hören,
00:05:46denn ich liebe Rühreier und Steaks,
00:05:49Thunfisch und Hähnchen –
00:05:51ich mag das alles sehr gern.
00:05:54Und ich kann mir vorstellen, dass,
00:05:55wie Sie vorhin sagten, in diesen hochwertigen tierischen Proteinen
00:05:59noch andere Stoffe stecken – Sie nannten Selen,
00:06:01vielleicht auch essenzielle Fettsäuren
00:06:04und Vitamine, die damit zu tun haben,
00:06:08was das Tier zu Lebzeiten gefressen hat,
00:06:11und die ebenfalls den Muskeln nützen.
00:06:13Ist das richtig?
00:06:13Das stimmt, und ein wichtiger Faktor ist für mich Kreatin.
00:06:16Wir wissen, dass 5 Gramm Kreatin
00:06:20die Skelettmuskulatur unterstützen,
00:06:22aber 12 Gramm wirken sich positiv auf die Gehirngesundheit aus.
00:06:25Es gibt dazu gerade sehr spannende neue Forschungsergebnisse
00:06:27zu Kreatin und der kognitiven Fitness.
00:06:30Können Sie mir kurz sagen, wie viel Kreatin zum Beispiel –
00:06:35Sie erwähnten es ja – in einem Steak steckt?
00:06:37Wobei so ein 130-Gramm-Steak
00:06:39für mich eher mickrig erscheint.
00:06:41Das ist wohl die Standardgröße, ja.
00:06:43Für mich ist das schon eine riesige Mahlzeit.
00:06:44Okay, nehmen wir also großzügig ein 170-Gramm-Steak
00:06:46oder vier Rühreier.
00:06:49Über wie viel Kreatin reden wir da?
00:06:51Eier enthalten kaum Kreatin, oder?
00:06:52Nicht viel. Ich habe mir das neulich erst angesehen:
00:06:56Die Kreatinmenge in einem halben Kilo Steak –
00:06:59Sie werden zusammenzucken – liegt bei etwa zwei Gramm.
00:07:02Das ist also nicht gerade viel.
00:07:03Nein, nicht wirklich.
00:07:04Aber wenn wir Lebensmittel im Verbund betrachten,
00:07:08haben Sie mit Ihrer Vermutung absolut recht.
00:07:10Es ist interessant: Wir essen keine isolierten Nährstoffe.
00:07:13Wir denken zwar über Protein als Einzelnährstoff nach,
00:07:16ebenso wie über Kohlenhydrate,
00:07:17aber eigentlich essen wir Mischmahlzeiten.
00:07:19Und in diesem Zusammenhang
00:07:21spielt die Qualität des Proteins eine Rolle.
00:07:23Was die Eiweißzufuhr betrifft:
00:07:25Könnte man pflanzliche und tierische Proteine
00:07:28gleichwertig ersetzen?
00:07:29Ja, das könnte man.
00:07:29Ich möchte hier ganz klar
00:07:31eine ausgewogene Perspektive einnehmen:
00:07:33Wir können unseren gesamten Proteinbedarf
00:07:38aus pflanzlichen Quellen decken.
00:07:39Ein kleiner Haken dabei ist, dass die Zufuhrempfehlung,
00:07:43die ich vorhin nannte, auf hochwertigen Proteinen basiert
00:07:45und nur das Minimum darstellt, um Mangelerscheinungen vorzubeugen.
00:07:48Wer sich rein pflanzlich ernährt,
00:07:49benötigt eher 1,6 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht –
00:07:53also eine höhere Gesamtmenge, wenn das Protein aus Pflanzen stammt.
00:07:56Das ist ein wichtiger Punkt, den man verstehen muss.
00:07:57(beschwingte Musik)